Schafft sich der Fahrradfachhandel ab?

Wir haben uns im Fachhandel bei Verkäufern, Mechanikern und Inhabern umgehört und sehen einen ernsten Trend bestätigt. Der Fachhandel unterliegt derzeitig starken Veränderungen. Wir knüppern das in diesem Artikel mal auseinander und suchen die Schuldigen.

Wo geht fährt der Fahrradfachhandel hin?

Urachen und Lösungen für Fahrradfachgeschäfte

Klar. Der Fahrradfachhandel hat Probleme. Davon sogar reichlich. Besonders in ländlichen Regionen kämpft so mancher Bikeshop jeden Tag ums Überleben. Schon oft haben wir betont, dass man Räder, Zubehör und Werkstattleistungen doch auch beim lokalen Bike-Dealer bestellen und in Anspruch nehmen sollte.

Die Ursachen sind schnell ausgemacht und verteufelt. Wir haben die Händler in der Region  gefragt, wo die größten Probleme liegen und die Antworten waren nicht wirklich überraschend:

Einhellige Antwort und das größte Problem aller Händler: Das Internet. Kunden kommen oft bereits vorinformiert, sehen nicht auf den ersten Blick, was sie eigentlich wollen und bestellen das Rad dann im Netz. Alternativ schauen sie sich was an was es gibt, machen schnell ein Foto der Daten, vielleicht sogar noch eine Probefahrt und bestellen dann oft doch wieder im Netz. Extremer Masseneinkauf, Großraumlagerflächen und kein Verkaufspersonal und der Verzicht auf jeglichen Service, spezielle Versandverträge mit DHL oder Speditionen bringen hier dem Kunden einen riesigen Preisvorteil. Kein Fachhändler hat gegen die Internetangebote eine wirkliche Chance. Gutscheincodes hier, 40% Rabatt dort und ein 100%ig vollständiges Angebot von Rädern bis Zuberhör lassen Millionen Euro in die Kassen großer Versender fließen.

Zweites Problem der Händler: Die Preise der Einstiegsklasse-Fahrräder. Wer sich auch nur halbwegs mit Fahrrädern auskennt, stellt schnell fest, dass diese vom Basispreis gesehen fast stetig steigen. Das liegt einmal am „Boom-Markt Fahrrad“ und zum anderen auch an der Preisgestaltung der Hersteller. Montage in Deutschland ist schon kalkulativ kaum möglich, wenn die Entwicklung und Konstruktion schon hier erfolgen soll und inzwischen stimmt zwar die Qualität der China-Rahmen, doch auch da ist längst nicht mehr alles für’n Appel und ein Ei zu bekommen. Margen für den Einkauf reduzieren sich fast jährlich. Viel Rabatt – wie wir Kunden es doch sooo lieben – ist kaum möglich. Zugaben entsprechend auch nicht. So mal so als Vergleich: Ein 28″ Damenrad von Kettler, mit 3-Gang-Nabenschaltung und Aluminiumrahmen, kam Anfang der 90er Jahre 825 DM und gehörte damit schon zu den hochpreisigen City-Rädern. Dazu gab’s dann sogar noch ein Körbchen für den Lenker vom Händler und Käufer und Verkäufer waren glücklich. Ein gleichwertiges Rad Heute für 415 Euro? Schwierig.

Als drittes Problem werden die großen Ketten des Fahrradfachhandels – besonders von den kleineren Geschäften – genannt. Schon die dort angebotenen Preise sind für einen alteingesessenen Fahrradshop kaum mehr zu realisieren. Viele tausend Quadratmeter Ladenfläche stehen oft 60 bis 120m² gegenüber und entsprechend kommt das Angebot im kleinen Shop zu kurz. Große Handelsketten machen es dem Fachhandel merklich schwerer. Gleiches gilt für Baumarkt- und Supermarktketten, die regelmäßig mit Spitzenangeboten in den Fahrradabteilungen Kunden des Fachhandels abziehen. Auch personaltechnisch trumpfen diese Ketten mit vielen Mitarbeitern, während der kleine Radshop als inhabergeführtes Ladengeschäft oft nur 3 bis 10 Mitarbeiter beschäftigen kann und zunehmens seinen Geschäftsumsatz über Werkstattleistungen generieren muss.

Genau Letztere sind auch als Problemfaktor während der Umfrage beim Fachhandel genannt worden. Problem 4: Werkstattleistungen. Das, wo es den einen oder anderen Handgriff vor Jahren noch als Service gab, ist jetzt durch die bereits genannten Probleme eben Werkstattleistung und kostet Geld. Leider auch nicht wenig. Nicht nur, dass die Preise für Zubehör und Ersatzteile auch nur den Weg nach oben kennen, besteht bei vielen Kundenrädern oft einiges an Wartungsstau. Wie auch beim Auto wird entweder selbst geschraubt oder solange vor sich hin geschoben, bis sowieso ein neues Rad fällig wäre. Irgendwie geht’s halt immer noch. Das geht bei Beleuchtung los und hört bei Kettenpflege, Bereifung, Schaltung und Komfortkomponenten auch nicht auf. Gefährlich wird es dann immer, wenn die Bremsen auch nicht gewartet werden, wenn der Kunde a) keine Ahnung hat wie und b) sich das Geld sparen will oder c) sich die Reparatur nicht leisten kann.  So als Beispiel: Der Tausch einer guten 28er-Cityrad-Bereifung inkl. Schlauch kostet zwischen 35 und 65 Euro. Nicht wenig also.

Information und Kommunikation ist das Problem Nr. 5 und eigentlich auch eines, welches viel weiter oben stehen müsste. Noch heute – wir haben 2015 und seit 25 Jahren ein Internet – tun sich viele Händler schon mit einer eigenen Webseite schwer. Einen eigenen OnlineShop gibt es oft gleich gar nicht. Fanpages und Accounts bei Facebook, Twitter & Co sind ebenso selten und oft ungepflegt, falls überhaupt vorhanden. Ursache ist hier, so die Händler – der Zeitfaktor und mangelnde Kentnisse über diese Kommunikationswege. Viele Kunden gehen so verloren und treffen genau die Händler, die als Problem 1 festgestellt wurden.

Problem 6 sind wir selbst. Die Kunden. Wir sind durch die gebotenen Technologien in vielen Fällen schon vorab sehr gut informiert und natürlich hat uns die Geiz-ist-Geil-Mentalität noch immer voll im Griff. Ein gutes Rennrad soll bitte nicht wirklich mehr als 1200 Euro kosten und ein Mountainbike mit allem Pi-Pa-Po hat gefühlt bei 850 Euro auch seine Obergrenze erreicht. Wir nehmen auch ein Vorjahres- oder sogar Zweivorjahresmodell, wenn der Rabatt stimmt. Zubehör? He,he, he! Bitteschön so günstig wie möglich und eine Werkstatt brauchen wir dank Youtube doch auch nicht wirklich. In den Fahrradfachhandel gehen wir doch eigentlich nur um zu sehen, ob der Verkäufer – der aus kostengründen eigentlich Zweiradmechaniker ist und von Verkaufstechniken selten Ahnung und Ausbildung hat – sein Sortiment kennt. Idealerweise zeigt er uns die Produkte, die wir wollen und wir probieren sie vor Ort aus, um sie dann im Internet ein paar Euro günstiger zu kaufen. Dafür warten wir dann auch gerne noch drei oder fünf Tage, bis der Postmann an der Haustür klingelt.

Wie kann der Fachhandel das Dilemma nun lösen? Im zweiten Teil dieses Artikels (siehe graue Box) haben wir ein paar Lösungsvorschläge, die unabhängig von Händlergröße und fachlicher Wertung leicht umgesetzt werden können.